Die transformative Kraft der Fragen, Teil 1
- Benni

- 28. Okt. 2023
- 5 Min. Lesezeit
Wie kann es sein, dass manche Menschen in deinem Umfeld scheinbar ohne große Mühen die Hürden des Alltags überwinden, ihrer Routine konsequent und diszipliniert folgen, sportliche Ziele erreichen und dabei trotzdem noch genug Zeit für Sozialkontakte haben? Das ist eine Frage, die ich mir gestellt habe und die mich auf die Idee zu diesem Artikel geführt hat. Unterscheiden sich die Menschen nicht maßgeblich durch die Fragen, die sie sich selbst stellen?
Dazu ein kurzes Beispiel: Person A und Person B verfolgen beide das gleiche Ziel. Sie wollen es schaffen, bis zum Jahresende konsequent 4-mal pro Woche ins Fitnessstudio zu gehen. Nun kennt es jeder von uns, dass das Leben einem manchmal einen Streich spielt. Das Auto springt nicht an, du musst länger arbeiten, spontan einem Freund helfen oder was es auch immer sein mag, was dich dazu bringt, eine Trainingseinheit ausfallen zu lassen. Wer denkst du, wird am Ende motivierter sein und sein Ziel erreichen? Wer denkst du, findet eher Lösungen, um auf unvorhergesehene Hindernisse zu reagieren? Person A, die sich in diesem Moment fragt, "WARUM schaffe ich es NIE, meinen Trainingsplan wirklich durchzuziehen?" oder Person B mit der Frage "WIE kann ich es schaffen, meinen Trainingsplan in meinen Alltag zu integrieren?". Ich denke, dass beide die entsprechenden Antworten auf ihre Fragen erhalten werden. Person A findet dann eben Gründe, die gegen die Erreichung seines Ziels sprechen. Person B findet Lösungen.
Das führt uns dann auch schon zu einer der wichtigsten Kategorien von Fragen, den Problemlösungsfragen.
Problemlösungsfragen:
Wenn aus dem Nichts Probleme auftauchen, kann das manchmal ganz schön überwältigend sein. Auf einmal steht ein Berg vor uns, der scheinbar nur schwer zu überwinden ist.

Die erste Frage, die man sich in dieser Situation stellen kann, entstammt dem Stoizismus und lautet: "Was davon ist in meiner Kontrolle?".
Die Stoiker sagen, dass es zwei grundlegende Arten von Ereignissen oder Situationen gibt:
Solche, die unter unserer Kontrolle stehen, und solche, die außerhalb unserer Kontrolle liegen.
Schon allein durch diese erste Frage verschiebt sich das Denken vom sinnlosen Kreisen der Gedanken und der emotionalen Bewertung einer Situation, hin zur Handlungsorientiertheit. Wie bringt es dich denn voran, wenn du tagelang darüber nachdenkst, warum dein Chef so gemein ist, wenn er dir wieder keine Gehaltserhöhung gegeben hat? Was wäre stattdessen, wenn du dich auf die Dinge konzentrierst, die tatsächlich in deiner Kontrolle liegen? Vielleicht musst du lernen, besser zu verhandeln? Vielleicht hat deine Leistung im Vergleich mit den Kollegen nicht ausgereicht? Und falls sich am Ende dann doch bewahrheiten sollte, dass dein Chef einfach nur gemein ist, dann liegt es in deiner Kontrolle, dir über einen Jobwechsel Gedanken zu machen.
Falls du über diese Frage mehr erfahren möchtest, lies auch meinen Artikel zur Dichotomie der Kontrolle.
Die nächste Frage, die dir bei der Problemlösung helfen kann, lautet: "Was ist positiv an diesem Problem?". Das hört sich wahrscheinlich im ersten Moment widersprüchlich an. Was soll schon positiv sein an einem Problem? Aber genau um diesen Kontrast geht es. Wenn du dich dazu zwingst, etwas Positives an einer an sich negativen Situation zu finden, findet ein Reframing der besagten Situation statt. Wenn ein Problem nicht nur negativ ist, sondern zum Beispiel als eine Herausforderung und eine Möglichkeit zum Wachstum und Erwerb neuen Wissens verstanden wird, dann kann das dazu führen, dass die Last auf den Schultern sich plötzlich um einiges leichter ertragen lässt, versprochen. Wenn du es dir zur Gewohnheit machst, diese Frage zu stellen, wird es mit Sicherheit seltener dazu kommen, dass du dich von einer problematischen Situation erdrückt fühlst. Dein Verhältnis zu Herausforderungen wird positiver.
Nun kommt der wichtigste Teil. Wir wollen uns nicht allzu lange mit dem Problem an sich aufhalten, denn davon wird es nicht gelöst. Stattdessen müssen wir ins Handeln kommen. Du kannst dir nun die Frage stellen: "Was bin ich bereit zu tun, um dieses Problem zu lösen?". Der Fokus verschiebt sich, weg vom Problem und hin zu den Handlungen. Auch hast du durch diese Frage die Möglichkeit, das Problem in seiner Wichtigkeit zu begreifen. Schwerwiegende Probleme sollten schon allein durch ihr Vorhandensein genug Motivation auslösen, um uns zum Handeln zu bringen. Leider ist das nicht der Fall, da viele Probleme nicht plötzlich auftauchen und wir uns an einen latenten Schmerz oder ein gewisses Maß an Unzufriedenheit gewöhnen können. Stell dir einen Raucher vor, der nach und nach seine Ausdauer verliert und seiner Gesundheit schadet. Er gewöhnt sich immer an den aktuellen Zustand, da die Veränderung im Verhältnis zur Zeit nicht gravierend genug ist, um eine gegensätzliche Handlung auszulösen. Wenn der selbe Raucher nach seiner ersten Zigarette alle negativen Folgen seines Handelns über die nächsten 20 Jahre zu spüren bekäme, würde er wahrscheinlich nie wieder zur Zigarette greifen.
Begreife das Problem also in seiner Gesamtheit und definiere Maßnahmen, die zu einer Beseitigung beitragen. Eine wissenschaftliche Methode, die dazu führt, dass die gewünschten Handlungen auch wirklich ausgeführt werden, ist die Verwendung von "Implementation Intentions". Lies dazu meinen Artikel zur WOOP-Methode.
Außerdem wird diese Frage in der Regel viele weitere Fragen aufwerfen. Wenn du erste Handlungen definiert hast, werden zwangsläufig Fragen aufkommen wie: "Wie viel meiner Zeit und Ressourcen wird diese Handlung kosten?", "Benötige ich noch weitere Informationen?", "Wen muss ich in mein Vorhaben einweihen? Benötige ich Menschen, die mir hier helfen?", "Wer hatte schon einmal ein ähnliches Problem und kann zu Rate gezogen werden?". Du bist jetzt also mitten im Prozess. Du bist von der Problemorientiertheit zur Handlungsorientiertheit gelangt.

Wenn du nun effektive Handlungen definiert hast, um das Problem zu beseitigen, geht es wieder um einen kleinen Perspektivwechsel. Die Handlungen, die uns von Nutzen sind, sind oft nicht die, die wir gerne ausführen. Deshalb kann die Frage "Was kann ich tun, um den Prozess der Problemlösung zu genießen?" hier dabei helfen, uns auf die positive Seite der Handlung zu konzentrieren. Hier ist Kreativität gefragt und es ist stark individuell abhängig, welchen Weg man einschlagen sollte. Es führen bekanntlich viele Wege nach Rom und es gibt nur selten den einen richtigen Weg. Betrachte daher die Handlungen, die du gerne und freiwillig tust. Was davon ist es, das dich antreibt? Welches Gefühl entsteht dabei in dir? Kannst du dich auch in diese Gefühlslage versetzen, während du die zur Problemlösung nötigen Handlungen ausführst?
Wenn ja, dann ist das super und du kannst sofort starten. Wenn es dir jedoch nicht so leicht fällt, dich zu motivieren, kann ich nur die Methode des Habit-Stackings empfehlen. Das bedeutet kurz gesagt, dass du eine gewohnheitsmäßige Handlung ausführst, die du gerne tust, z.B. eine Folge deiner Lieblingsserie zu sehen. Diese Gewohnheit knüpfst du nun an die gewünschte Handlung, z.B. auf dem Ergometer eine halbe Stunde im Zone-2-Pulsbereich zu trainieren. Die Formel lautet dann: "Ich sehe mir die nächste Folge meiner Lieblingsserie an, aber trainiere währenddessen auf dem Ergometer". Wenn du mehr über die Implementierung von neuen Gewohnheiten in deinen Alltag erfahren willst, lies auch meinen Artikel zu Gewohnheiten.
Das war Teil 1 der Reihe zur transformativen Kraft der Frage. Noch einmal zusammengefasst die vier Fragen zur Problemlösung:
1. Was davon ist in meiner Kontrolle?
2. Was ist positiv an diesem Problem?
3. Was bin ich bereit zu tun, um dieses Problem zu lösen?
4. Was kann ich tun, um den Prozess der Problemlösung zu genießen?



Kommentare